Warum wir Fahrzeiten als Spanne angeben
Eine Tür-zu-Tür-Zeit auf die Minute genau gibt es nicht. Wie wir Schulwege schätzen, warum die alte Rechnung falsch lag, und wo wir lieber gar keine Zahl schreiben.
Florian 6 Min. Lesezeit
Auf jeder Schulkarte steht jetzt „11 bis 14 Minuten" statt „12 Minuten". Das sieht nach Unentschlossenheit aus. Es ist das Gegenteil: die zweite Zahl war nie so genau, wie sie ausgesehen hat.
Was vorher falsch war
Unsere erste Rechnung war denkbar einfach. Luftlinie mal 1,3 für die Umwege, dann geteilt durch eine feste Geschwindigkeit je Verkehrsmittel. Das ergibt immer eine Zahl, und diese Zahl war an mehreren Stellen systematisch daneben.
Der Umweg ist keine Konstante. Auf den ersten dreihundert Metern gehen Sie ums Eck, um die Ecke und um den Block; das tatsächliche Wegnetz ist dort gut anderthalbmal so lang wie die Luftlinie. Auf zwanzig Kilometern nähert es sich der Geraden an. Ein einziger Faktor für beides ist für kurze Wege zu optimistisch und für lange zu pessimistisch.
Die Geschwindigkeit ist auch keine. Zwei Kilometer durch die Innere Stadt und zwanzig Kilometer über die Autobahn sind nicht dieselben 24 km/h. Wer beides mit demselben Wert rechnet, bekommt zwei falsche Ergebnisse.
Und das Schlimmste betraf die Öffis. „21 km/h plus acht Minuten" beschreibt eine Wiener U-Bahn. Auf eine Gemeinde im Waldviertel mit drei Busverbindungen am Tag angewandt, erfindet dieselbe Formel eine Verbindung, die es nicht gibt. Auf kurzen Strecken kam noch dazu, dass der Bus rechnerisch schneller war als das Zufußgehen.
Was jetzt gerechnet wird
Drei Dinge, die vorher fehlten:
Der Umweg hängt von der Distanz ab. Kurze Wege bekommen einen höheren Faktor als lange, mit einem stetigen Übergang dazwischen.
Die Geschwindigkeit steigt mit der Länge. Ein Autoweg wird ab ein paar Kilometern schneller, weil er irgendwann auf eine Durchzugsstraße kommt.
Stadt und Land werden unterschieden. Wie dicht bebaut eine Gegend ist, leiten wir aus unseren eigenen Daten ab: aus der Zahl der Schulen im Umkreis von zwei Kilometern. Einwohnerzahlen haben wir nicht, Schuldichte schon, und sie trennt einen Wiener Bezirk zuverlässig von einem Markt. Daran hängen dann Gehtempo an Kreuzungen, Autogeschwindigkeit, Parkplatzsuche, der Weg zur Haltestelle und die Wartezeit.
Was dabei herauskommt, ist immer noch eine Schätzung. Deshalb steht dort eine Spanne.
Wo wir lieber gar keine Zahl schreiben
Bei Öffi-Verbindungen im ländlichen Raum steht jetzt „kaum Verbindung" statt einer Minutenangabe, und daneben der Link zur offiziellen Fahrplanauskunft.
Das ist bewusst so. Wir wissen nicht, ob dort ein Bus fährt. Eine Formel, die aus der Entfernung eine Fahrzeit errechnet, weiß es auch nicht, sie schreibt nur eine Zahl hin. „58 Minuten" klingt nach einer Auskunft und ist in Wahrheit eine Behauptung.
Wichtig ist dabei die Unterscheidung: „kaum Verbindung" heißt nicht „zu Fuß wäre schneller". In der Stadt ist Zufußgehen auf kurzen Strecken oft schneller als die Straßenbahn, und trotzdem gibt es die Straßenbahn. Nur außerhalb der Städte sagen wir, dass wir es nicht wissen.
Was diese Zahlen nicht kennen
Sie kennen die Donau nicht. Sie kennen keine gesperrte Brücke, keine Bahntrasse, an der Sie zwei Kilometer entlanggehen, bis eine Unterführung kommt, und keine Steigung. Sie kennen auch Ihr Kind nicht: Ein Sechsjähriger geht langsamer als die 4,6 km/h, mit denen wir rechnen, und bleibt öfter stehen.
Deshalb sind die Spannen so breit, wie sie sind, und deshalb steht bei jeder Angabe dabei, dass sie geschätzt ist. Wenn Sie eine verlässliche Zeit brauchen, gehen Sie den Weg ab. Das ist keine Ausrede, das ist der ehrlichste Rat, den wir geben können.
Warum nicht einfach richtig routen?
Weil es unverhältnismäßig wäre. Ein Routing-Dienst, der das österreichische Straßennetz und die Fahrpläne aller Verkehrsverbünde im Speicher hält, kostet ein Vielfaches der gesamten übrigen Infrastruktur dieser Seite. Der Code dafür liegt fertig da und lässt sich einschalten, sobald es sich rechnet. Bis dahin schätzen wir und schreiben dazu, dass wir schätzen.
Zum Schluss
Nehmen Sie die Spanne als das, was sie ist: eine Größenordnung, gut genug zum Vergleichen zweier Schulen, nicht gut genug für Ihren Wecker. Für die Entscheidung zählt ohnehin weniger die Dauer als die Frage, ob Ihr Kind den Weg allein schafft. Darüber schreiben wir an anderer Stelle.